Das Jahrhunderthaus: Das Salesianum in Wien-Neuerdberg

Salesianum im Umbau

Die Salesianer Don Boscos wurden im Herbst 1903 nach Wien berufen und betreuten zunächst 120 Kinder im Verein "Kinderschutzstationen". Ihre Erfolge wurden bewundert, aber ihre moderne Erziehungsmethode missfiel einigen Verantwortlichen. Sie meinten, die Salesianer hätten zu wenig Verständnis für die "Wiener Verhältnisse" und ließen die Kinder zu viel und zu laut schreiend im Hof herumlaufen. Daher beschlossen die Salesianer, eine unabhängige Einrichtung zu gründen. Im Arbeiterviertel Erdberg, in der Dietrichgasse 38, konnten sie auf Leibrente am 15.Juni 1906 zwei Parzellen, darauf ein Zinshaus mit einem kleinen Garten, erwerben. Schon ein Jahr später gelang es ihnen, angrenzend längs der Hagenmüllergasse weitere Grundstücke dazu zu kaufen. Der Grundstein für das erste eigenständige Haus war gelegt.

Mit besonderer Vorliebe verfolgte Don Michael Rua, der Nachfolger Don Boscos als Generaloberer, das Entstehen des ersten deutschsprachigen Hauses. Wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1910 erhielt er die Nachricht von der kirchlichen Erlaubnis zur Eröffnung. Vom Krankenbett aus segnete er das Salesianum und wünschte allen die tatkräftige Unterstützung der heiligen Schutzengel und Don Boscos.

Von den Gefahren der Straße fernhalten

1910: Knabenheim für Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren

Wenige Salesianer leisteten gemeinsam mit Mitarbeitern und Wohltätern sowie der Hilfe Gottes unter dem Schutz Maria Hilfe der Christen Großartiges. Bis zu 400 Buben kamen täglich nach der Schule, an freien Sonn- und Feiertagen, um bei Ballspielen, mit Musik und Theater Erholung und Freizeitbeschäftigung zu finden. Bis zu 150 kamen täglich nach dem Mittagessen, um in den vorgesehenen Räumen Lernhilfe zu erhalten.

"Der Zweck dieser Institution besteht darin, die Knaben während der schulfreien Zeit von den Gefahren der Straße fernzuhalten. Wie oft trifft es in der Großstadt zu, dass sich die Eltern mit ihren Kindern nicht abgeben können, weil sie entweder zu Hause zu sehr beschäftigt sind, oder sie überhaupt den ganzen Tag nicht zu Hause sind, sondern bei fremden Leuten oder in der Fabrik arbeiten müssen, um Brot ins Haus zu schaffen. Unendlich bedauernswert sind die Kinder, welche infolgedessen auf die Gasse angewiesen sind. Diesem Großstadtelend kann keine Einrichtung besser abhelfen, als eine Anstalt, die Kindern in der schulfreien Zeit einen entsprechenden Ersatz für die versperrte elterliche Wohnung bietet. Und diesen Dienst leistet den Kindern vorzüglich ein salesianisches Knabenheim." (Mitteilungen aus den deutschen Don Bosco Anstalten Nr. 1, Dezember 1915)

Jenes Alter, das man "Flegeljahre" nennt

1911: Jugendheim für Jugendliche von 14 bis 17 Jahre

Gedacht für Schulentlassene, die abendlich, an Sonn- und Feiertagen ganztägig mit Spiel, Musizieren, Theater und "religiösen Belehrungen" beschäftigt wurden. Die Salesianern bedauerten die mangelnde Größe des Spielhofs. Wenn es die Situation zuließ, gingen sie daher reihenweise in den Prater, und der Letzte zog in einem kleinen Wagen die Spiele und die Bälle. Die tägliche Kinderzahl konnte von 400 auf 500 erweitert werden.

"Der Großstadtjugend fehlt es meist an der beschwerlichen körperlichen Arbeit und so erübrigt sie Lebenskraft, die auf eine andere Weise betätigt werden muss. Daraufhin zielt im Jugendheim die Pflege des Sports, allerlei Ball- und Bewegungsspiele. Doch nicht in Spiel und Unterhaltung allein soll der Jünglich aufgehen. Ernstlich muss man der Vergnügungssucht feste Grenzen setzen, die Jugend nach und nach vor den Lebensernst stellen und Geist und Herz auf katholischer Grundlage voll und ganz ausbilden. Dies soll durch religiöse Übungen und entsprechende Belehrungen bewirkt werden. Für jeden Sonn- und Feiertag abends wird daher eine Versammlung anberaumt, in der ein Vortrag gehalten und sodann eine soziale oder pädagogische Frage besprochen wird. Auch Sprachkurse, Musikunterricht, Theatervorstellungen, Lichtbildvorträge, Bibliothek und eine Sparkasse sind eingeführt worden und bewähren sich vortrefflich.

Die Verwirklichung dieses umfangreichen Proramms brachte manche mühevolle Stunde mit sich. Der Mitgliederstand wies ein ziemlich einheitliches Gepräge von Jünglingen jenes Alters auf, das man im Volksmunde so gern mit dem Namen 'Flegeljahre' bezeichnet." (Mitteilungen aus den deutschen Don Bosco Anstalten Nr. 1, Dezember 1915)

Ab 1934 hatte das Jugendheim unter der Leitung von Direktor Pater Adolf Penninger den ganzen Tag über geöffnet. Dazu gab es rund 100 interne Schüler.

400.000 Mahlzeiten für Wiens Kriegskinder

1915: Jugendverein Don Boscos für Jugendliche von 17 bis 24 Jahren

Hier wurden Jugendliche, die aus dem Salesianum hervorgegangen waren, weiter gefördert. Der Jugendrettungsverein war eine Laienbewegung, die auch das Knabenheim unterstützte. Während des Ersten Weltkriegs erhielten täglich 120 Kinder unentgeldlich ein Mittagessen. Von 1915 bis 1919 wurden rund 400.000 Mahlzeiten ausgegeben.

1912-1921: Privatgymnasium mit Öffentlichkeitsrecht

Zwei Jahre bestand im Salesianum bereits ein Konvikt für Buben, die in öffentliche Schule gingen. 1912 wurde das Konvikt in ein öffentliches Gymnasium mit weltlichen Professoren umgewandelt. 1921 schlossen die Salesianer die Schule aus Kostengründen wieder.

Gut Pfad

Pfadfinder gab es im Salesianum nur einige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg unter "Salesianer-Pfadfinderhäuptling" Bruder Ernst Kasper, gestorben 1976.

1938-1947: Verbote, Bomben und Ruinen

Während des NS-Regimes war das Knaben- und Jugendheim geschlossen, Vereine wurden aufgelöst. Um einige Personen und Räume im Sale zu erhalten, wurde am 1. Jänner 1939 die Hauskapelle zur Pfarre erhoben und der Theatersaal als Unterkirche eingerichtet. Ein schwerer Bombenangriff am 15. Jänner 1945 macht das Salesianum unbewohnbar. Der Chronist schreibt: "16 Grad Kälte, kein Wasser, kein Strom, sämtliche Fenster und Türen zerstört." Mit 9. Mai 1945 - einen Tag nach Kriegsende - begannen die Renovierungsarbeiten, ab 1947 wurden die ersten Zöglinge aufgenommen

1952-1958: Bau der Don Bosco Kirche, Don Bosco hat sich selbst einen Kirchenplatz besorgt

Seit 1939 besteht die Salesianer-Pfarre Neuerdberg. Direktor Pater Anton Schmidt vermerkte in der Hauschronik, dass die Stadt Wien an der Stelle der zerbombten Volksschule eine Wohnhausanlage errichten wollte. Er dachte eher an eine neue Kirche: "Als ich den Plan meinen Mitbrüdern vortrug, meinten sie, ich habe schlecht geträumt. Die Stadt Wien würde nie zustimmen." Wochenlange Vorsprachen bei Ämtern und Politikern folgten. Am 8. Februar kam es im Rathaus zur entscheidenden Sitzung. Pater Schmidt ging das Brevier betend unruhig auf und ab. Schließlich stimmte der Gemeinderat dem Verkauf zu. "Don Bosco hat sich selbst einen Kirchenplatz besorgt", schrieb der Hausdirektor dankbar. 1958 wurde die "Don Bosco Kirche" vom Wiener Erzbischof Kardinal Franz König geweiht.

1959-1956: Haus 27-29

Am 7. November 1950 begannen die Erweiterungsbauten in der Hagenmüllergasse 27-29. Im Internat konnten bis zu 170 Burschen wohnen. Für den notwendigen Ausgleich zur Lernzeit gab es Sport, Spiele, Film, Musik und Theater. Der Spielhof war immer voller Leben und nicht selten wurde um den Platz gestritten. Prägend waren hier Pater Johannes Steigenberger und Pater Josef Havasi.

1954-1999: Lehrlingsheim

Aus einer Bombenruine wurde mit Mitelln des Wohnhauswiederaufbaufonds ein Lehrlingsheim aufgebaut. 1.800 Lehrlinge aus den Bundesländern haben hier ein Zuhause gefunden.

Das Haus Hagenmüllergasse 34 wurde 2001 von den Salesianern an den Verein "neunerHAUS" übergeben. Hier finden wohnungs- oder obdachlose Menschen eine Anlaufstelle und Betreuung.

1963-2007: Turmherberge - Über den Dächern von Erdberg

Mit dem Bau der Don Bosco Kirche wurde im Kirchturm eine neun Stockwerke hohe Jugendherberge eingerichtet. Über 163.000 Menschen hat der "Herbergsvater" Bruder Franz Lasser in den 44 Jahren seiner Tätigkeit in der Turmherberge in Wien begrüßt. Die Begegnungsstätte für junge Menschen aus aller Welt wurde 2007 aus Sicherheitsgründen geschlossen.

1964-1967: Bau des Hochschülerheims

Am 27. November 1963 schrieb Direktor Pater Franz X. Schneiderbauer in die Chronik: "Burschen mit abgeschlossener Lehre oder bestandener Matura fragen immer wieder, wie möchten gerne einige Jahre bei uns wohnen, um eine weiterführende Schule oder Hochschule besuchen zu können. Allen Ernstes denke ich an die Möglichkeit eines Neubaues auf dem noch freien Baugrund auf der rechten Seite des Haupthauses." Planentwürfe wurden gezeichnet und mit dem Gemeinderat besprochen und ein Bauverein gegründet.

Das Knaben- und Jugendheim wurde vom Hauptgelände ausgelagert und ins Tiefparterre der Don Bosco Kirche und ins Hochschülerheim verlegt. Das Hauptgebäude war ausschließlich Konvikt für circa 160 Burschen, die öffentliche Schulen besuchten.

1964: Wagenrad

Mit dem Baubeginn des Hochschülerheimes musste die bisherige Jugendbaracke abgerissen werden. Als Ausweichquartier diente ein zur angrenzenden Molkerei gehöriger, halb eingefallener Pferdestall in der Dietrichgasse 47. Hier entwickelte sich das "Wagenrad", geleitet von Salesianerpater Fritz Debray - ein Jugendclub für Burschen und Mädchen aus großteils schwierigen sozialen Verhältnissen. Später wurde das "Wagenrad" in die Wälischgasse verlegt, wo der Club noch heute besteht.

1973: Blaskapelle

Unter Kaplan Pater Karl Bleibtreu wurde die Jugendblaskapelle gegründet. Bis heute besteht die Blasmusik in Neuerdberg und sit nach wie vor dem Haus verbunden.

1998-2003: Umbau, Erweiterung und Sanierung

Unter Direktor Karl Bleibtreu wurde das ganze Haus saniert, isoliert, mit TV und Internet für jeden Studienplatz ausgestattet, die Etagenküchen für Selbstverpflegung modernst eingerichtet, jedes Zimmer mit Nasszelle versehen.

Das Sale heute

2003 wurde das generalsanierte Salesianum wiedereröffnet. Zurzeit beherbergt das Salesianum insgesamt 230 Studentinnen und Studenten aus dem In- und Ausland. Das Haus verfügt über modernste Infrastruktur, bietet zahlreiche Freizeitangebote wie Sporteinrichtungen, Übungsräume für Musiker und spirituelle Angebote. Während der Universitätsferien wird das Sale als Sommerhotel Don Bosco geführt. Ein besonderer Schwerpunkt ist der Einsatz ehemaliger Auslandsvolontäre, die wieder viele Kinder unter dem Motto "Sale für alle" in den Spielhof einladen wollen. Die Salesianer betreuen außerdem weiter die Pfarre Neuerdberg.

(P. Josef Weikinger, in: 100 Jahre Salesianum, Festschrift 2010)